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Heilbronner Stimme vom 02.Juli 2003
Kinderstück über das "Immer noch mehr haben wollen"
Von Ulrike Bauer
Unkritischer Konsum und die Gier nach trendigen Markenartikeln können Kinder und deren Eltern geradewegs in die Schuldenfalle führen. Der Verein "Heilbronner Stimme / Aktion Menschen in Not" packt das Thema mit einem unterhaltsamen Theaterstück an der Wurzel an.
Aus Spendengeldern unserer Leserinnen und Leser finanziert der gemeinnützige Verein im nächsten und übernächsten Jahr 50 Aufführungen eines neuen Theaterstücks für Unterländer Grundschüler. Zurzeit erarbeitet das Heilbronner Kindertheater Radelrutsch die ersten Szenen. Premiere des Schuldenvorbeugungs-Stücks, das mit dem Staatlichen Schulamt, den Sozialämtern und den Suchtkoordinatoren abgestimmt ist, soll kurz vor Weihnachten sein.
Die Biberacher Klasse 3a ist der kritische Begleiter der Theaterleute. Diese Woche waren Regisseur Bernard Wilbs und Hauptdarsteller Udo Grunwald erstmals zwei Schulstunden lang im Klassenzimmer. Die Acht- und Neunjährigen beobachteten, wie unzufrieden "Nils Niegenug" mit all seinem Spielzeug und seinem elektronischen Wohlstandsmüll ist. Obwohl er schon alles hat, lechzt er nach den immer neuesten Modellen.
Seine Eltern sind streng, geben ihm "nur" fünf Euro Taschengeld im Monat. Fürs Zimmer-Aufräumen bekommt er zehn Punkte in sein Bonusbuch. Bei 1.000 Punkten darf er sich was Großes, Teures wünschen. "Das dauert doch ewig", rechnet sich der kleine Nimmersatt aus. Hippelig wartet er auf den Postboten. Vielleicht schickt ihm ja seine liebe Oma das Gewünschte. Er mault und jammert. Er zerfließt in Selbstmitleid und kann sich nur noch freuen, wenn er etwas Neues bekommt. Seine Wunschliste ist unendlich lang.
Armer Nils.
Noch öfters werden die Theaterleute bei den Biberacher Kindern und deren Lehrerin Karin Pisot sein. Sie werden fragen, ob Nils glaubwürdig ist, die "richtige" Sprache spricht und ob im Stück auch wirklich von den Sachen die Rede ist, die Kinder besitzen und haben wollen.
Dass die Konsumwelt im Kinderstück durchaus Realität ist, zeigte die Diskussion mit den Drittklässlern. Die meisten wünschen sich ebenfalls Playstations und besitzen bereits Gameboys mit verschiedenen Spielen, Handys, Fernseher im Kinderzimmer und Regale voller Spielzeug. Ihr eigenes Taschengeld wird gezielt aufgestockt: von Onkels, Tanten und Großeltern oder durch eigene Arbeit. Zwei Euros fürs Staubsaugen, Spülen oder Einkaufen sind da schon drin. "Und was kriegen wir für unsere Beratertätigkeit von Radelrutsch?" fragt ein geschäftstüchtiger Junge. Antwort: Eine Führung beim Theater und die Einladung zur Premiere.
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Heilbronner Stimme vom 17.Dezember 2003
Dreister Dreikäsehoch im Kaufrausch
Von Alexander Hettich
Ein Raum voller Plunder, das Kinderzimmer bis unters Dach voll mit dem neuesten Spielzeug. Nils Niegenug, neunmalkluger Dreikäsehoch im Kaufrausch, hat alles, will aber immer noch mehr: Mehr Handys, mehr Computerspiele und überhaupt: Nur ein Kampfkreisel, das ist doch voll peinlich.
Was die Kumpels so haben, ist eh besser, und seine Mama findet Nils nur dufte, wenn sie den Geldbeutel zückt. Macht sie aber nicht mehr so gerne, weil der Filius so schrecklich nervt. Doch Moment: Da auf dem Tisch liegt ja Muttis Portemonnaie, voll mit schönen Euros. Was tun? Das Premierenpublikum, rund 70 Dritt- und Viertklässler der Damm-Grundschule, hätte da einen Tipp parat: Los, kauf Dir was, raunt es durch den Zuschauerraum der Heilbronner Kammerspiele. Und Bernard Wilbs, Regisseur des Kindertheaters Radelrutsch, findet seine Eindrücke aus der Vorbereitung bestätigt: "Wir waren überrascht, wie groß bei den Kindem die Begeisterung für Konsum ist.
Mit dem nimmermüden Nils-Darsteller Udo Grunwald, der in der rasanten Kurzgeschichte überzeugend den kleinen Raffzahn mimt, mit Suchtpräventionsstellen und dem Schulamt hat Wilbs das zehn Jahre alte Lehrstück gegen Markenwahn und Maßlosigkeit aufgegriffen. Besonders wichtig ist dem Theatermann die Nachbereitung: Einerseits mit umfangreichem Arbeitsmaterial in den Klassen, aber auch gleich nach dem Stück. Plauderstunde im Anschluss an die Premiere: Die Heilbronner Grundschüler verraten Tricks, um Eltem um den Verstand und ins Kaufhaus zu bringen. Ich bettle die ganze Zeit, verrät ein Steppke. "Ich schließ mich ins Zimmer ein, wenn ich was nicht bekomme, sagt ein anderer.
Funktioniert wohl. Aber muss das sein? Ist Nils in seiner bunten Warenhaus-Welt wirklich glücklich? Nö, glauben die meisten: Einsam ist er und gelangweilt. Die neunjährige Michaela findet den nervigen Nils ohnehin doof", weil er auf nichts verzichten kann". Na, zumindest verzichtet der dreiste Nimmersatt darauf, Mamas Börse zu plündem. Er entdeckt sogar: Mit etwas Fantasie taugt auch ein alter Hut zum Spielen.
Dass Nils' Oma sich selbst zum Geschenk macht, statt das Trödellager aufzustocken, kommt bei den jungen Zuschauem gut an. Die Oma, meint Jeanny, ist viel lustiger als SpieIzeug. Lernziel erreicht. Bei Schulen in der Region ist das Stück bereits der Renner. Uber 90 Anfragen hat Wilbs vorliegen. Die ersten 50 Auftritte finanzierte die Aktion Menschen in Not der Heilbronner Stimme. Schulen, die am Projekt interessiert sind, können sich unter Telefon 07131/64 32 38 ans Schulamt wenden.
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